Population: One

Kurzgeschichte (Science Fiction)

Ein Dröhnen – ein gleichmäßiges, dumpfes Dröhnen, dann wieder nichts. Kurz darauf begann es wieder von vorn. Dröhnen, gleichmäßig, fast beruhigend – dann wieder nichts. Plötzlich veränderte sich etwas: Eine heftige Bewegung in ihrem Inneren weckte sie aus ihrem Dämmerschlaf. Es war noch dunkel, doch es konnte nicht mehr lange dauern, bis die ersten Sonnenstrahlen sie erreichen würden. Dies war kein Tag wie jeder andere. Heute musste es passieren. Die Zeit war gekommen, dem allen einen neuen Sinn zu geben. Sie fühlte, wie das Leben in ihrem Leib ebenfalls erwachte und sich rührte.
Du wirst Welten erobern und unserer Spezies neue Hoffnung schenken, dachte sie, und warmer, wohliger und kraftspendender Stolz erfüllte sie dabei. Kraft, die ihr nach der langen Zeit zusehends zur Neige ging.
An der Oberfläche befand sich nur noch ein geringer Anteil Wasserstoff, sie musste also tiefer bohren. Dort unten, wo die Temperatur viel höher und der Druck um ein Vielfaches größer war als an den äußeren Hüllen, mussten sich große Mengen metallischen Wasserstoffs verbergen.
Sie startete einen erneuten Versuch und fuhr die Teleskoparme in Richtung innere Atmosphäre aus. Die langen, spinnenartigen Glieder klappten sich langsam auf und streckten sich. Die dicke, von großen Poren ungleichmäßig durchzogene, in Falten gelegte Haut breitete sich wie unwillig aus, als hätte sie sich lange nicht bewegen müssen. Sie spannte sich über Knochen von so hoher Dichte, dass sie nahezu unzerstörbar stabil waren. Im vordersten der fünf Armglieder fuhren drei krallenartige Greifer aus, in deren Mitte sich eine mit scharfkantigen Rändern umgebene Extraktionsöffnung befand. Die Teleskoparme waren für den Abbau aller drei Aggregatszustände geeignet: Sie konnten Gase sowie Flüssigkeiten absaugen und sie vermochten, feste Materie zu zerlegen. Ganz gleich, in welcher Form sie die weiteren Wasserstoffreserven vorfinden würde, sie würde nicht an Grenzen stoßen, die ihr eigener Körper ihr vorgab. Sie waren die Einen – Geschöpfe, deren Schicksal es war, das Universum zu verändern. Nichts konnte sie auf ihrer Mission aufhalten. Nichts durfte sie aufhalten.

Es wurde hell. Die Sonne befand sich auf diesem Planeten weit – sehr weit – entfernt, doch sie war ausreichend stark, um die nötige Wärme zu spenden, die sie brauchte. Ihr großer, schwerfälliger Körper wand und reckte sich, um mehr Sonnenstrahlen aufnehmen zu können. Die Poren weiteten sich, sodass die verbrauchten Gase entweichen konnten. Sie verpufften in einem feinen, roten Nebel. Sie genoss den nachlassenden Druck, der sich jede Nacht, in der die Poren an ihrem neungliedrigen Leib verschlossen blieben, anstaute und bis zum Sonnenaufgang auf ihr lastete. Nun, da die Sonne fast schlagartig durch die dünne Wolkenschicht drang, geschah in jeder der milliardenfach über den Körper verteilten Poren eine kleine Eruption. Die sehr kurze Tagesabfolge dieses Planeten sorgte dafür, dass die Körperprozesse beschleunigt wurden und der sich in ihrem dritten Körperglied befindliche, biochemische Sprunggenerator sich rascher aufladen konnte. Viel wichtiger war jedoch, dass ihr Nachwuchs aus dem gleichen Grund mit einem vollständig ausgereiften und zu Sprüngen fähigen internen Generator und einem nahezu komplett gefüllten Treibstoff-Speichersack das Licht der Welt erblicken würde. Du wirst unmittelbar nach deiner Geburt den ersten Sprung machen können.

Die vorderen vier Teleskoparme spürten die Hitze in der Tiefe näherkommen, und eine kristalline Schutzschicht bildete sich, bedeckte das vordere Drittel der Bohrungselemente fast vollständig. Die in diesem Bereich flüssige Umgebung wandelte sich und wurde zur Mitte des Planeten hin fester. Große Mengen einer der energetisch reinsten Substanzen – metallischer und damit leitungsfähiger Wasserstoff – umströmten die Greifer, als sich diese öffneten, um das Material abzubauen. Dieser Prozess war anstrengend und zugleich höchst befriedigend. Nachdem sie so lange von den Wasserstoffvorräten der oberen Schichten gezehrt hatte, drang sie nun zum ersten Mal zu den empfindlichen und gleichzeitig so wertvollen innersten Schichten vor.
Lange würde sie nicht mehr weitermachen können, sonst gefährdete sie das empfindliche Gleichgewicht des gesamten Systems. Sie spürte, wie der Planet, den sie gewählt hatte, am Rande seiner Kräfte war. Sie und das Leben in ihr hatten sich die lebensnotwendige Substanz geholt, die sie brauchten. Das Kind war stark, sie spürte das an den kräftigen Bewegungen in ihrem Leib. Eine Kämpferin – eine, die es weiter hinaus schaffen würde als jede andere von ihnen es je zu träumen gewagt hätte.

 

Das Dröhnen hatte aufgehört – jetzt, da die Sonne aufgegangen war. Sie brauchte den Generator für diesen Schritt des Prozesses nicht. Sie konnte das begehrte Element direkt in seiner hochwertigsten Form extrahieren und in Treibstoff umsetzen – und gleichzeitig in Energie für ihr Kind.
Die Atmosphäre an der Oberfläche war nun fast vollständig frei von Wasserstoff und bestand zum Großteil aus Methan und Helium. Es fiel ihr zunehmend schwer, zu atmen, und die Frucht in ihrem Leib verlangte nach mehr. Mehr Wasserstoff, mehr Energie, mehr Kraft, um endlich den Sprung in die neue Welt machen zu können.
Ihr Sprössling bewegte sich nun heftiger in ihrem zweiten Körperglied. Sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern durfte. Mehr metallischen Wasserstoff, sie brauchte sofort mehr Wasserstoff, sonst waren all ihre Anstrengungen umsonst gewesen.
Der fünfte Teleskoparm stieß auf eine noch tiefer liegende Schicht. Ihre Haut brannte, das Methan – und das in geringen Mengen enthaltene Ammoniak – nahm ihren großen, pulsierenden Poren die Fähigkeit, intensiv zu atmen. Verzweiflung kroch in ihr hoch; eine Panik, die sie vorher nicht gekannt hatte. Sie, in die alle besonders große Hoffnungen gesetzt hatten, musste es einfach schaffen. Sie durfte nicht zu denen gehören, die nicht mehr zurückkehrten, die irgendwann vergessen wurden und deren Nachwuchs ein ungesungenes Lied in den Herzen ihres Volkes blieb. Sie würde – nein, sie musste gebären. Ihre Frucht sollte Großes vollbringen. Sie dabei unterstützen, diesem Sonnensystem zur gleichen Schönheit zu verhelfen, wie es ihr Volk zuvor mit so vielen anderen getan hatte.

 

Ein sechster und siebter Teleskoparm kam den anderen zu Hilfe und sie stießen weiter vor. Die Schicht war heißer und die Materie in der Tiefe fester. Sie drang noch tiefer vor – weiter, als sie bisher je hatte bohren müssen. Das Risiko war groß, denn die Stabilität des Planeten war bereits stark beeinträchtigt. Saugte sie ihm auch nur ein wenig zu viel von seiner verbleibenden Substanz ab, konnte er aus dem Gleichgewicht geraten – und das würde eine Kettenreaktion in Gang setzen, die sämtliche Lebensgrundlage in diesem Sonnensystem zerstören könnte.
Die empfindlichen Sensoren an den vorderen Teleskoparmen zuckten und wanden sich unkontrolliert. Hier hatte sie also die maximal mögliche Menge des Materials entnommen, ohne das molekulare Gleichgewicht zu gefährden. Nun musste sie noch tiefer vordringen. Sie wusste: Nur noch wenige Hundert Kilometer weiter würde ein noch größeres Wasserstoffvorkommen auf sie warten. Sie atmete flach, um die verbleibenden Vorräte nicht zu früh aufzubrauchen. In ihrem Inneren war es ruhiger geworden. Das Kind bereitete sich auf den großen Moment vor, oder war es etwa …
Ein Ruck ging durch das Bohrungselement des ersten Teleskoparmes, als es auf eine festere Schicht stieß. Sofort begann der Greifer zu bohren – fast so gierig, als wäre er sich der Dringlichkeit der Situation bewusst. Sie wusste, dass sie damit dem Planeten eine wunderschöne Zukunft bescherte: eine, in der er Zeuge einer Geburt werden würde. Das machte ihn zu einem heiligen Ort – zu einem Ort der Schönheit und des Lebens.
Durch die Bohrung wurden auch geringe Mengen gasförmigen Wasserstoffs freigesetzt. Darauf hatte sie gewartet: Als sie von dem wohltuenden Gas umhüllt wurde, atmete sie gierig ein und stieß beim Ausatmen feine, roten Gase aus, die sich als schützende Wolke über sie und ihrem Nachwuchs legten. Die Bewegung in ihrem Körper setzten wieder ein. Das Kind lebte.
Plötzlich machte sich ein Gefühl der Verlassenheit in ihr breit, auf das sie nicht vorbereitet war. Sie vermisste ihren Sprössling schon jetzt. Noch bevor er sich aufmachte, selbst das Wunder des Lebens weiterzutragen und sich fortzupflanzen, vermisste sie ihn. Sie versuchte, dieses bislang unbekannte Gefühl abzuschütteln, sich auf den Zweck ihrer Mission zu besinnen und sich darauf zu konzentrieren, ihrem Nachwuchs genug Energie für die Geburt zu spenden.
Sie atmete noch einmal tief ein und blickte hinaus in den Raum – blickte in Richtung Sonne, wo weitere Planeten den Weg säumten, weitere Energielieferanten, weitere Welten, die auf das Geschenk der Schönheit warteten. Dann sog sie den Rest des verbliebenen Gases von der Oberfläche tief in sich ein und ließ ihr Kind frei.

 

*

 

NASA-Chefin Adrianna Bollic hatte sich gerade hingelegt, als das Telefon klingelte. Mit einem Stoßseufzer stand sie auf und nahm den Anruf entgegen. »Ich hoffe, es ist wichtig«, schnarrte sie.
»Sir! Ich bitte um Verzeihung, Sir. Es ist in der Tat wichtig, aber wir wissen noch nicht, was es bedeutet.« Ihr Assistent – Thompson – klang angespannt.
»Was gibt es?«, fragte Bollic, während sie nach ihrer Hose angelte. Wenn Thompson nachts um diese Zeit anrief und so aufgebracht klang, musste sie sich auf ein Krisentreffen mit der Präsidentin gefasst machen. Besser, dabei eine Hose zu tragen.
»Schalten Sie mal die Nachrichten ein, Sir!«
»Wie bitte?«
»Sir, überall auf der Welt berichten Astronomen und Hobbyastronomen von dramatischen Veränderungen auf der Oberfläche des Jupiters. Diese haben sich innerhalb weniger Stunden ergeben. Die Atmosphäre scheint sich rasant zu wandeln, die weißen Wolkenbänder verschwinden. Der komplette Planet wird … dunkel!« Er atmete tief ein, als hätte er beim Sprechen die Luft angehalten.
»Wollen Sie mich verarschen?« Bollic klang ungehalten, doch sie griff zur Fernbedienung und schaltete das TV-Gerät in ihrem Schlafzimmer ein. Sie zappte durch die Kanäle. Überall die gleichen Meldungen: Veränderungen auf dem Jupiter, Geheimnisvolle Verdunkelung des Jupiters, Jupiters Sturm blickt wie ein tödliches Auge auf die Erde und ähnlicher Unsinn waren da zu lesen und zu hören.
Sie seufzte, schaltete wieder ab und warf die Fernbedienung aufs Bett. »Gibt es dazu von unseren eigenen Leuten irgendwelche Informationen?«, fragte sie.
»Noch nicht, Sir.«
»Dann rufen Sie Owen an und lassen sich alle Daten geben, die in den letzten vierundzwanzig Stunden von Juno gekommen sind. Bilder, Messungen, alles! Und schicken Sie mir einen Fahrer. Ich bin so schnell ich kann im Hauptquartier. Wurde die Präsidentin informiert?«
»Äh, ja, Sir. Selbstverständlich. Sie ist bereits unterwegs.«
»Gut. Versuchen Sie in der Zwischenzeit, mehr Informationen zu bekommen.« Sie legte grußlos auf.

Keine halbe Stunde später traf Bollic die Präsidentin. Alle hochrangigen Mitarbeiter, die mit Forschungsprojekten rund um den Jupiter betraut waren, befanden sich ebenfalls vor Ort. Der ganze Versammlungsraum war ein einziges Murmeln und Raunen. Die Geräuschkulisse verstummte jedoch urplötzlich, als Bollic mit der Präsidentin den Raum betrat.
Die Präsidentin wandte sich an Owen, die das Juno-Projekt verantwortete und mit aschfahlem Gesicht vor ihr saß. »Sie erzählen mir jetzt einmal ganz genau, was da auf dem Jupiter geschieht.«
Owen breitete hektisch einen Stapel Unterlagen vor sich aus und begann darüber zu berichten, dass vor wenigen Stunden erste Astronomen eine ungewöhnliche Verdunkelung des Jupiters beobachtet hatten. Die weißen Wolkenbahnen auf der Atmosphäre waren verschwunden – wie abgesaugt – und nur der markante rote Sturm, das Auge des Jupiters, war geblieben.
»Das ist äußerst merkwürdig«, kam Owen zum Ende ihrer Schilderung. »Denn hätte es wirklich eine Druckveränderung in der Atmosphäre gegeben, wäre der Sturm in seiner Beschaffenheit verändert worden oder gar verschwunden. Wir können uns das Phänomen noch nicht erklären. Wir …« Sie kam nicht dazu, auszureden, denn das Telefon, das vor Bollic auf dem Tisch lag, begann zu summen.
»Sprechen Sie«, verlangte die NASA-Chefin.
Bollic lauschte einen Moment. Dann wurde sie blass. »Schicken Sie mir umgehend alle Informationen, die Sie haben.« Sie legte auf und schaute in die Runde. »Meine Damen und Herren, der Jupiter ist nicht unser einziges Rätsel«, sagte sie. »Die Raumsonde Cassini hat ebenfalls Neuigkeiten für uns.«
Sie atmete tief durch, als könne sie selbst nicht glauben, was sie da sagte. »Auf dem Saturn befindet sich seit weniger als einer Stunde ein roter Punkt, ähnlich dem Sturm auf dem Jupiter. Nur wesentlich kleiner.«

 

*

 

Sie hatte es geschafft. Die Geburt war vollbracht. Der Generator hatte das Wurmloch wie geplant geöffnet und ihr Nachwuchs war – kräftig und gesund geboren – aufgebrochen, um den nächsten Planeten zu ehren. Sie würde noch ein Weilchen hierbleiben, Kraft tanken und sich dann ebenfalls aufmachen. Ihr neues Ziel stand bereits fest. In diesem Sonnensystem gab es noch nicht genug Schönheit. Es würde ihr allerdings eine große Ehre sein, das zu ändern.
Voller Stolz dachte sie an ihre Frucht, die sich nun von einem anderen Planeten nährte, bis sie groß und stark genug war, eigenen Nachwuchs zu bekommen – bis ihr eigener Generator die nächste Generation fortschicken konnte. Durch den Sturm hinaus blickte sie auf die unberührten Planeten jenseits des Asteroidengürtels und gleichzeitig in die große Zukunft, die vor ihnen lag.