Nekrofon

Kurzgeschichte (Horror)

Unter normalen Umständen wäre ich nie auf das Straßenfest gegangen, das jedes Jahr in unserem Viertel stattfand. Größere Menschenansammlungen konnte ich noch nie ausstehen, und je älter ich wurde, desto mehr zog ich es vor, allein zu sein. Einem Nachbarschaftsbeisammensein mit Schunkelmusik und oberflächlichem Smalltalk beizuwohnen war zudem der Inbegriff des Spießerhorrors für mich. Doch als ich an diesem Sonntag am frühen Nachmittag mit einem schrecklichen Kater aufwachte und feststellte, dass außer ein paar Scheiben verschimmelten Toastbrots nichts Essbares im Haus war, hatte ich keine Wahl. Ich beschloss, mir auf dem Fest schnell eine fettige Bratwurst und einen Kaffee zu holen und mich danach für den Rest des Tages reglos aufs Sofa zu legen.
Es war Mitte August, doch das Wetter mutete fast herbstlich an. Ein leichter Nieselregen setzte ein, als ich die Hauptstraße entlang direkt auf den abgesperrten Bereich zuging, in dem sich das Fest abspielte. Ich fröstelte und ärgerte mich, dass ich keine Jacke mitgenommen hatte.
Neben dem obligatorischen Getränkestand, einer Würstchenbude und einem Crêpes-Wagen gab es etwa zehn Biertische mit je zwei Bänken, an denen an diesem Nachmittag vereinzelt ein paar trüb dreinblickende Rentner saßen. Sie sahen neben wechselnden anderen Gästen aus wie festgewachsen, als würden sie zur Ausstattung gehören. Ein paar aufgespannte Sonnenschirme sollten den Regen aufhalten, doch die meisten Bänke waren ungeschützt, und es sammelte sich ein feiner, feuchter Film auf dem lackierten Holz. Trotzdem rasteten hier und da gestresst aussehende Mütter, deren Kleinkinder drängten und quengelten, weil sie nach einem Eis verlangten oder auf die kleine Hüpfburg in Schnupperweite des Crêpes-Stands wollten. Um den Getränkestand in der Nähe versammelten sich die üblichen Gestalten, die auch sonst jede Gelegenheit nutzen, um bereits früh am Tag mit dem Trinken zu beginnen und erst aufzuhören, wenn sie kaum mehr in der Lage waren, sich auf den Beinen zu halten. Einige von ihnen hatte ich schon mehrfach bereits vormittags vor dem Supermarkt gesehen, mehrere leere Bierdosen auf dem Stromkasten abgestellt und lauthals lamentierend.
Ich holte mir für einen Euro einen Filterkaffee, kippte drei Löffel Zucker hinein, um den bitteren, abgestandenen Geschmack zu überdecken, und setzte mich ans Ende einer Bierbank. Außer mir saß dort nur eine ältere Frau in einem zu engen, geblümten Sommerkleid, die gedankenverloren an einem Stück Käsekuchen kaute. Als ich mich setzte, sah sie kurz auf, lächelte aber nicht.
Während ich meinen Kaffee schlürfte und meinen Blick schweifen ließ, sah ich vor dem ansässigen Bestattungsinstitut ein Schild mit der Aufschrift „Heute Kinderschminken! Ab 14 h im Hof“. Ein kleines Mädchen, als Schmetterling geschminkt, kam aus dem Hof des Bestattungsinstituts gerannt, dicht gefolgt von einem Jungen mit Skelett-Make-up.
Einige Meter weiter waren drei kleine Flohmarktstände aufgebaut, einfache Tische, auf denen Kinder und Jugendliche ihre alten Bücher und Spielsachen ausgebreitet hatten und unter die Leute bringen wollten. Sie versuchten hektisch, die Waren mit Schirmen und Planen vor dem Regen zu schützen.
Ich fand irgendwie Gefallen daran, mich den anderen Menschen überlegen zu fühlen, also beschloss ich, noch ein wenig zu bleiben. In der Hoffnung, es würde besser schmecken als der Kaffee, holte ich mir ein Bier, das wie auf solchen Veranstaltungen üblich in milchig-weißen Plastikbechern ausgeschenkt wurde. Hunger hatte ich irgendwie keinen mehr.
Das bedrückende Bild von Normalität, Langeweile und Durchschnittlichkeit wurde vom musikalischen Rahmenprogramm perfekt abgerundet. Auf einer kleinen Bühne an der Stirnseite der abgesperrten Straße hatte bis eben ein alternder Schönling gestanden, der zu Musik vom Band traurige Nino de Angelo-Lieder zum Besten gegeben hatte. Sein Ausdruck war weit entfernt von schlecht, doch die musikalische Qualität war fragwürdig bis an die Schmerzgrenze meiner sensiblen Ohren. Er beendete seinen Auftritt und wurde mit einem trägen Klatschen der wenigen aufmerksamen Zuhörenden von der Bühne begleitet.
Am Rand der Bühne stand ein Mann, der mir vorher nicht aufgefallen war, nun aber meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war ganz in Weiß gekleidet, groß und hager. Er sah alt und ausgezehrt aus, als würde er von einer Krankheit heimgesucht. Seine Haut wirkte, ebenso wie sein Haar, farblos und durchscheinend. Er strahlte eine Ernsthaftigkeit und Schwere aus, die mir das Herz zusammendrückte und ein Grauen hervorrief, das ich mir nicht erklären konnte. Obwohl ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte, war er mir vertraut. Als wäre er mir schon seit vielen Jahren immer wieder in dunklen Träumen begegnet. Die Personifizierung des unguten Gefühls, das mich nachts im Dunkeln besonders schnell zwischen dem Badezimmer und meinem sicheren, warmen Bett verfolgte. Ich starrte ihn an, unfähig, mich wegzubewegen. Und er sah mich. Seine Augen streiften mich nicht mal, doch ich spürte, dass er mir tief in die Seele sah. Die Kälte, die bis dahin nur meine Haut gekitzelt hatte, kroch ganz tief in mich hinein und breitete sich schwer und lähmend aus.
Der Fremde trug einen kleinen schwarzen Koffer bei sich. Als der alternde Schönling die Bühne verlassen hatte, schritt der Mann in Weiß die fünf Stufen empor, schaute sich mit einer fahrigen Bewegung zum Publikum um und begann, sich auf seinen Auftritt vorzubereiten. Er öffnete den Koffer, holte ein Mikrofon heraus und tauschte es gegen jenes aus, das sein Vorgänger verwendet hatte, und das zum Bühnenequipment gehörte. Als er es auf den Mikrofonständer gesteckt hatte, fiel mir auf, dass etwas an diesem Mikrofon merkwürdig war, aber ich hätte es nicht benennen können. Es war, als leuchte es von innen heraus, doch es war kein Licht zu sehen. Auf einmal sah der Mann in Weiß noch älter aus, fast, als wäre er in den letzten Minuten noch mehr zerfallen. Täuschte ich mich, oder konnte ich ein wenig durch ihn hindurchsehen, wenn ich meine Augen sehr anstrengte? Ich schüttelte den Gedanken ab. In den letzten Jahren vertrug ich den Alkohol immer schlechter. Vielleicht, so sagte ich mir, sollte ich wirklich so langsam damit aufhören.
In der Zwischenzeit hatte sich das Fest gefüllt. Trotz des leichten Nieselregens drängten sich immer mehr Gäste um die Würstchenbude, Bierbänke wurden mit Taschentüchern trockengewischt. Viele schauten zur Bühne, voller Erwartung, was ihnen der nächste Künstler bieten möge. Ich hatte ein dumpfes, pochendes Gefühl in der Magengrube und schwor mir, nie wieder Filterkaffee auf Straßenfesten zu trinken. Es konnte nur der Kaffee sein, der da in meinem Bauch rumorte.

 

Dann begann der Mann in Weiß zu singen. Mit den ersten Tönen wusste ich, dass wir alle verloren waren. Um mich herum gefror die Welt, bewegte sich zugleich wahnsinnig schnell und unerträglich langsam. Alles in meinem Blickfeld verzerrte sich, immer und immer wieder zu neuen Formen, während sich Töne in meinen Gehörgang bohrten, die nicht sein durften.
Er sang in Zungen, die aus vergangenen Äonen fremder Welten zu stammen schienen. Es war, als öffnete sich ein Portal zu meinen schlimmsten Albträumen. Kalte Hände griffen nach meinem Verstand und entrissen mir alles, was ich zu sein glaubte. Der Geruch verbrannter Würstchen um mich herum wurde zu einem durchdringenden Fäulnisgestank. Ich musste würgen. Der Kaffee und das Bier drängten ihren Weg nach oben, doch es gelang mir irgendwie , das saure Gemisch wieder hinunterzuschlucken. War es dunkler geworden? Dunkelgelbes Licht dominierte den wolkenverhangenen Himmel, drückte schwer und kalt auf uns alle herab. Es kam von oben, und doch schien es, als wäre das Mikrofon sein eigentlicher Ursprung. Sein unheimlicher Schein wurde eins mit dem Himmel.
Die Luft schien zu flackern, als seine Stimme lauter und lauter wurde und zu einer Kakophonie des Grauens anschwoll, die so unaussprechlich war wie die Dinge, die man sich nicht mal zu denken traute. Es war dieses Entsetzen, das ich so lange nicht erfahren hatte, doch von dem ich immer gewusst hatte, dass es noch ganz tief in mir lauerte, wartete, bis sein Tag gekommen war. Dieser Tag.
Ich spürte, wie sich mein Inneres langsam auflöste, verrottete wie verdorbenes Fleisch. Ich hustete und spuckte einen blutigen Klumpen auf den Boden vor mir. Erschrocken sah ich mich um. Um mich herum starrten die Menschen entsetzt auf die Bühne, rissen ihre blutunterlaufenen Augen auf, unfähig zu atmen. Diese Luft, diese schwere Kälte, das schrille Heulen von bizarrer Musik, die von überall her zu kommen schien – und von nirgends. Das dunkelgrelle Flackern um mich herum schmeckte nach Asche und Verdorbenem. Kinder schrien und weinten. Das namenlose Grauen stand den Eltern ins Gesicht geschrieben, als die Kinder begannen, aus Augen, Nase und Ohren zu bluten und sich unter Schmerzen zu grotesken Posen krümmten. Sie brüllten nach ihren Eltern, winselten, es solle aufhören, einfach endlich aufhören, egal wie. Nur wenige Augenblicke später traf es die Erwachsenen, die immer noch angstvoll ihren Nachwuchs umklammert hielten. Mit zuckenden Leibern, Schaum und Erbrochenes von den Lippen fließend und mit blutenden Augen starrten sie alle gemeinsam auf die Bühne – und doch nicht. Sie alle sahen, was ich sah: die unendliche, schreckliche Weite hinter dem Eigentlichen. Das Nichts hinter der Fassade, die unsere Existenz ist.
Der Mann in Weiß sang einfach weiter, fast ekstatisch, als sauge er das Entsetzen um sich herum tief in sich auf. Er lächelte, wie ein Priester, der seine Gemeinde segnete. Es gelang mir nicht, meine Augen von ihm abzuwenden. Alle Aufmerksamkeit musste auf ihn gerichtet sein. Er war unser Richter, unser Henker, derjenige, der uns alle kannte und uns vereinte in unserer Einsamkeit. Täuschte ich mich, oder wirkte er jünger und frischer als noch vor seinem Auftritt? Er war nicht mehr durchscheinend und blass, sondern rosig. Ein fast schon komischer Kontrast zum klaren, kalten Weiß seines Anzugs, so dachte ich mit den letzten klaren Gedanken, die ich imstande war zu denken.
In diesem Moment der weltlichen Klarheit war der Bann ganz kurz unterbrochen. Es gelang mir, den Blick abzuwenden. Die Menschen um mich herum wanden sich weiter in Agonie, niemand beachtete mich. Ihre Schreie, die ich gerade noch kaum vernommen hatte, vermischten sich mit seinem Gesang, mit der Melodie, die keine war und gleichzeitig alle Melodien gleichzeitig.
Diesen Augenblick, in dem ich mich nicht mehr im Wirkungskreis seiner Macht befand, nutzte ich, um mein Leben zu retten. Beide Hände auf die Ohrmuscheln gepresst stolperte ich zwischen den Bierbänken hindurch und lief so lange, bis ich außer Hörweite war. Sein Blick verfolgte mich, griff mit kalten Fingern nach mir und versuchte, mich zurückzuziehen. Wie gegen Treibsand ankämpfend wühlte ich mich durch Leiber, die ineinander zu verschmelzen schienen. Ich sah ihre Augen, ihre aufgerissenen Münder, wie sie mir zurufen wollten, ich solle doch bleiben, für immer mit ihnen verbunden sein. Vor Entsetzen zitternd stürzte ich weiter, nur weg von dort. Weg von ihm. Als ich glaubte, ihn nicht mehr hören zu können, blieb ich stehen und sah mich um. Die Straße war menschenleer. Die Kälte und der dunkelgelbe Himmel drüben auf dem Fest wirkten von hier aus wie eine Blase, eine wabernde Erscheinung, die auch eine Fata Morgana hätte sein können. Jegliches Geräusch schien im Inneren eingeschlossen zu sein. Hier draußen war nichts zu hören, als hätte ich nur einen schlechten Traum gehabt. Und doch war es so schmerzhaft real, dass sich mein Innerstes versuchte, nach außen zu stülpen. Hier draußen war es wärmer, doch ich würde sehr lange noch eine Kälte in mir tragen, die durch nichts auszugleichen war, was auch immer ich versuchte.

 

Der Tag seines Auftritts ist lange her, doch die Erinnerung ist noch immer frisch wie eine blutende Schnittwunde. Der wahnsinnige Blick des Mannes in Weiß, der beim Singen so aufblühte, der unheimliche Schein seines Mikrofons und der Anblick der sterbenden Zuhörerschaft verfolgt mich noch immer jede Nacht in meine Träume. Ich weiß, dass mich die Musik eines Tages holen kommt.