Uncharted™: The Lost Legacy: der letzte große Schatz

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Ein neuer Uncharted-Teil, gerade mal ein gutes Jahr nach Teil 4? Und das, wo mit Teil 4 Nates Karriere als Schatzsucher eigentlich endgültig beendet war? Nicht ganz: Nathan Drake, den viele so liebgewonnen haben, wird man in The Lost Legacy nicht begegnen. Es handelt sich um ein ursprünglich als DLC geplantes Spin-Off, das sich zwar komplett nach der Uncharted-Serie anfühlt und auf die gleichen Elemente im Game-Design, der technischen Umsetzung und im Storytelling setzt. Doch die handelnden Personen wurden ausgetauscht.

Wer spielt hier eigentlich?

The Lost Legacy kommt mit zwei Hauptcharakteren, die wir bisher einerseits als Sexy Sidekick und andererseits als Gegenspielerin kennengelernt haben:

Chloe Frazer begleitet die Uncharted-Serie seit Uncharted 2, wo sie an der Seite von Nate stand – und uns als frivoler Wildfang dargestellt wurde und als opportunistischer und etwas dunklerer Charakter als Drake. In Uncharted 3 hat sie, die die „beste Fahrerin im ganzen Business“ ist, einen weiteren Auftritt.  (Als hübsche Referenz auf dieses Zitat gibt es übrigens eine Trophäe bei Lost Legacy – Fan-Girl sein wird eben belohnt.)

Nadine Ross, Ex-Chefin der Söldner-Armee Shoreline, kennen wir als Bad-Ass-Gegnerin aus Uncharted 4, wo ich persönlich sie extrem zu schätzen gelernt habe als coole und ehrgeizige Person, die mit allen Wassern gewaschen ist und nebenbei jeden Gegner im Nahkampf zusammenfaltet (bei diesen beneidenswerten Armen – kein Wunder!).

Story: Für Schatzsuche ist man nie zu erwachsen

Was bringt nun diese beiden ungleichen Charaktere zusammen? Chloe hat Nadine angeheuert, um ihr bei der Suche nach dem „Tusk“ zu helfen, einem Stoßzahn aus Gold und Edelsteinen – ein Artefakt, nach dem schon Chloes Vater, ein Archäologe, gesucht hat. Erinnert sehr an die Geschichte von Lara Croft? Das habe ich auch gedacht und bin das ganze Spiel den Gedanken nicht mehr losgeworden, dass Chloe eigentlich Lara ist, oder umgekehrt. Die Ähnlichkeit kann kein Zufall sein. Sei´s drum.

Der Spannungsbogen wird in gekonnter Uncharted-Manier aufgebaut. Wir beginnen unsere Reise mit Chloe (die wir verkörpern) in Indien. Die Story-Elemente sind altbewährt, nicht sehr komplex aufgebaut und man kann den Zusammenhängen auch dann folgen, wenn man keine Expertin der indischen Mythologie ist. Ganesh, Shiva… alles schon mal gehört, nicht schwer zu merken – passt schon! Man wird intellektuell nicht überfordert.

Oh, du vertrautes Spiel

In Sachen Spielmechanik hat sich im Vergleich zu früheren Uncharted-Spielen so gut wie nichts verändert. Das bewährte System aus Springen, Klettern, Schießen und in Deckung gehen funktioniert flüssig wie eh und je. Einzig die Option, die Gegner zu markieren ist dazu gekommen. Und ein nettes Mini-Game: Schlösser knacken. Lockpicking mit der Haarnadel, das muss ein Nate Drake erst mal hinkriegen.

Die Art von bombastisch designter Welt, in die ein lineares Level-Design hineingebaut wurde, kennen wir so ebenfalls von allen Uncharted-Teilen. An der ein oder anderen Stelle muss man nicht nur anhalten, damit Chloe Fotos machen kann, man sollte bei der Gelegenheit auch Screenshots machen. Nein, wirklich. Die Wasserfälle! Die Brücke aus Baumwurzeln! Aber: Look, don´t touch. Es kann nicht alles erkundet und angefasst werden, alles ist reine Kulisse. Dafür gibt es altbewährte Elemente (Stichwort Zug-Szene!).

Solide vertonte Schatzsuche

Ich habe ein bisschen gebraucht, um mit dem von Henry Jackman komponierten Soundtrack von Uncharted 4 warm zu werden, doch dann habe ich ihn angefangen zu lieben, fast mehr als das Original-Theme. Dass Jackman auch den Soundtrack von Uncharted – The Lost Legacy gemacht hat, hat mir große Hoffnung gegeben – die dann ein bisschen enttäuscht wurde. Einige Musik-Sequenzen waren nur aufgewärmte Melodien aus U4. Gleichzeitig fällt die musikalische Untermalung insgesamt weniger ins Gewicht. Möglicherweise brauche ich aber auch erst ein paar Monate, vielleicht bin ich da einfach langsam. Die sonstigen Sounds und vor allem das Voice-Acting sind gewohnt gekonnt, nicht zuletzt dank toll geschriebener Dialoge.

Charaktere mit Ecken und Kanten

Die Dynamik zwischen Chloe und Nadine ist bemerkenswert. Anfangs sind die beiden fast unerträglich steif und herb im Umgang miteinander. Das lässt beide etwas blass und hölzern wirken und hinterlässt ein schales Gefühl von Leere beim Spieler.

Doch man muss dem Spiel ein bisschen Zeit geben: In Kapitel 5 ändert sich das Ganze und plötzlich werden aus den steifen Charakteren menschlich wirkende Figuren mit Tiefgang und vielschichtigen, berührenden Biografien. Ganz spannungsfrei wird das Verhältnis der beiden nicht, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch, im Gegenteil. Uncharted hat schon immer ein bisschen von der Dynamik zwischen den agierenden Charakteren gelebt. Insbesondere im letzten Teil, Uncharted 4, schlug der zwischenmenschliche Aspekt deutlich erwachsenere Töne an. The Lost Legacy knüpft daran an.

Schade, dass im Vergleich zu Chloe Nadine zu zaghaft und schwach dargestellt wird. Das verzerrt das Bild, das man nach dem 4. Teil von ihr gehabt hat. Gleichzeitig macht es sie menschlicher, schließlich hat sie mit dem Verlust von Shoreline eine persönliche Schlappe erlebt.

Übrigens: Ganz ohne Drakes, so viel darf man verraten, kommt dieser Uncharted-Teil auch nicht aus. Nates Bruder Sam ist später mit von der Party. Aber bei so viel Frauenpower bekommt er kaum einen Fuß auf den Boden.

Uncharted – The Lost Legacy: vertraut und neu

  • Ich habe es wirklich genossen, zwei starke Frauen bei ihrem Abenteuer zu begleiten, die darüber hinaus beide nicht weiß sind – auch wenn eine weiß aussieht. Sowohl Chloe als auch Nadine stehen nur für sich und hängen nicht an einem Mann, über den sie sich definieren müssen – Vater-Geschichte hin oder her. Die Tatsache, dass es wohltuend ist, mit einer Frau zusammenzuarbeiten, wird in einem Dialog von Chloe positiv erwähnt und rennt damit bei Nadine offene Türen ein. Sie erzählt davon, wie sie einmal einem Klienten, der nicht mit einer Frau als Chefin von Shoreline zusammenarbeiten wollte, beide Beine gebrochen hat. Ich bin ja nicht für unnötige Gewalt, aber ich hatte einen kurzen Moment der Befriedigung bei diesem Dialog.
  • Dazu kommt, dass ich am eigenen Leib den Unterschied erleben konnte, wie es sich anfühlt, einen starken, unabhängigen und mutigen weiblichen Charakter zu spielen, im Gegensatz zu Nathan Drake (mag er auch noch so sympathisch sein). Ich habe mich gefühlt, als wäre ich gemeint. Ja, es gab ein gewisses Gefühl von Empowerment, zu sehen, dass Frauen das alles können. Allein, ohne männliche Hilfe. Natürlich weiß ich, dass die Szenarien unrealistisch sind, aber darum geht es ja beim Spielen nicht. Ich war gemeint. Dafür bin ich Naughty Dog wirklich dankbar.
  • Game-Play, Level-Design und Set Piece-Porno finden wir in gewohnter Uncharted-Manier vor: vertraut, aber trotzdem ein unglaublicher Genuss. Wer in punkto Game-Design etwas komplett Neues erwartet hat, wird enttäuscht gewesen sein. Naughty Dog verlässt sich doch sehr auf Altbewährtes, wirklich überraschende Neuerungen kann man lange suchen.
  • Die Geschichte ist erwachsener und weitaus weniger naiv erzählt, als es insbesondere bei den ersten drei Uncharted-Teilen der Fall war. Uncharted 4 hat in punkto Tiefgang und zwischenmenschlicher Komplexität bereits etwas zugelegt, The Lost Legacy ist definitiv keine naive Schatzsucher-Geschichte mehr, ohne gleichzeitig den Schatzjäger-Charme zu verlieren.
  • Ja, er war ursprünglich als DLC geplant, wir können also froh sein, dass Naughty Dog den Spin-Off zu einem eigenen Spiel aufgeblasen hat. Trotzdem wären wahrscheinlich mehr als 9 Kapitel drin gewesen, wenn man gewollt hätte. Ich sag nur. Zu schnell vorbei!

Fazit: Empfehlung für alle, die Uncharted schon geliebt haben. Wer etwas Neues erwartet hat, mag enttäuscht sein. Für mich ein klarer Anspieltipp für alle, die gerne starke Frauencharaktere spielen möchten und die Nase voll haben vom ewigen „generic white guy“.

 

 

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